BORIS YOFFE

Fragmente über das Wunder der Musik von Boris Yoffe

 

I

Töne, nur Töne – nichts sonst. Begegnungen kristallener Lichtpunkte. Mikro-Schicksale streifen sich im achtsamen, liebenden Vorübergehen. Erschlafft der hörende Mitvollzug, ist – nichts geschehen. Bedeutung, ohne laut auf irgendetwas zu deuten. Schroffheit enthüllt sich: als Innigkeit. Sie erwächst dem zerbrechlichen, fühlenden Raum im Staunen. Vergänglichkeit, die von der Ewigkeit spricht.

II

Naiv – dieses Wort fällt mir bei der Musik Boris Yoffes ein. Ein Wort, dem in der Geschichte der Sprache viel Unrecht angetan wurde, heißt es doch heute vor allem „leichtgläubig“ oder „unwissend“. Im eigentlichen Sinne aber bedeutet es „ursprünglich“, „unverdorben“, „rein“ und „kindlich“ – einen Menschen bezeichnend, dessen Herz voll Unschuld und Wahrheit (Schiller) ist. Kindlich zu sein bedeutet: verletzlich und angreifbar zu sein. Ein verletzlicher Mensch trägt unendlich viel Wertvolles in seiner Seele, zieht dieses aber oft reflexhaft in sich zurück, nachdem er es dargeboten und die Erfahrung machen musste, dass es beschmutzt, nicht verstanden, banalisiert, verhöhnt wurde. Naiv ist in Wahrheit: sein Heiligstes mutig nach außen kehren. „Mutig“ muss nicht „laut“ bedeuten, zumal sich Heiliges gewöhnlich leise offenbart. Naiv ist das Jesuskind in der Krippe. Naiv ist das, was wir eigentlich sind. Naiv ist, jeden Tag das Schönste auf ein paar Notenzeilen zu bannen, was in diesem Moment dem künstlerischen Lauschen zugänglich ist, selbst wenn die Möglichkeit besteht, dass niemand diese Töne jemals hören wird außer man selbst.

III

Was in die Erscheinung tritt, muss sich trennen, um nur zu erscheinen.
Jeder Ton – ein verlorener Sohn. Er kann meinen, seine Herkunft vergessen zu haben; in Wahrheit aber hat er das Haus seines Vaters nie verlassen.
Das Getrennte sucht sich wieder, und es kann sich wiederfinden und vereinigen;
Der Vater – die ewige, unverrückbare Ganzheit – wartet geduldig auf die Heimkehr, auf den letzten Ton, auf die vollkommene Rundung des künstlerischen Gebildes.
Im niederen Sinne, indem es sich nur mit seinem Entgegengestellten vermischt, mit demselben zusammentritt, wobei die Erscheinung Null oder wenigstens gleichgültig wird.
Ein bloßes, mitunter interessantes, reizvolles, sogar berückend schönes Farben- und Lichtspiel kann das Kunstwerk sein.
Die Vereinigung kann aber auch im höhern Sinne geschehen, indem das Getrennte sich zuerst steigert und durch die Verbindung der gesteigerten Seiten ein Drittes, Neues, Höheres, Unerwartetes hervorbringt. 

Die aus der Heimat zeitweilig entlassenen Töne verbrennen nicht ihre begrenzte, ihnen innewohnen-de Energie im sinn-losen Spiel miteinander; sie suchen, ihre persönliche Kraft mit anderen zu verbinden, um ein größt- und schönstmögliches neues Ganzes zu schaffen aus der prima materia ihrer scheinbaren Verlassenheit heraus. Mensch = Gott.

(Zitate: Goethe, Polarität, in: Horst Günther (Hg.), Anschauendes Denken, Frankfurt a. M. 1981, S. 148.)

IV

Ein Same wird sacht gepflanzt: der Ur-Beginn, jedes Mal, bei jedem Quartett aus dem Quartettbuch. Der Komponist setzt Etwas. Wie kann aus Nichts (der Stille, wenn nichts klingt) Etwas werden?
Eine theoretische Frage, ohne jede praktische Bedeutung. Der Komponist muss das tun, dieses Etwas hinpflanzen. Es ist nicht begründbar. Dennoch, für den Verstand: ein Mysterium. Der Künstler geht täglich mit Mysterien um so wie der Tischler mit Holzbohlen.
Der Same ist nun da – wer oder was lässt ihn keimen?
Boris Yoffe tut nichts – er lässt den Samen keimen, schaut ihm dabei ehrfürchtig zu. Des Komponisten helles Gewahrsein ist Erde, Licht, Feuchtigkeit, Luft und Wärme zugleich für die werdende Pflanze. Er zieht sich zurück in den überschauenden Umkreis, lässt Entfaltung geschehen, gibt Raum, nimmt innig Anteil am Schicksal der Töne.
Ich bin sicher, Yoffe ist oft selbst erstaunt, was sich da entfaltet. Der Komponist, mehr ein Begleiter als ein Schaffender.
Die junge Pflanze erblüht: ein Moment von unsagbarer Schönheit. Schon trägt er leise den Schmerz des Vergehens in sich.
Der Heimweg – voller Staunen, Überraschung, Anteilnahme. Jedes Sterben ist anders. Das Gewordene subtrahiert sich nicht mechanisch, nachdem es sich bloß addiert hat. Es verlässt die Erde voller Anmut, Würde und Fantasie. Gelassene, annehmende Erinnerung an den Beginn der Inkarnation. Das Neue ist schon anwesend und wirft seine ahnungsvollen Lichtstrahlen aus der Zukunft hinein ins Jetzt. Überraschung und Selbstverständlichkeit zugleich. Paradoxien gehören eng zur Kunst, zum Leben ...
In zwei irdischen Minuten bin ich Zeuge der Erschaffung und Zerstörung der Welt geworden. Was bleibt? Alles, mehr als Alles ...

V

Ob sich Boris Yoffe, nach so vielen Jahren, sich manchmal aufraffen muss zum täglichen Quartett-Notieren? Oder müssen sich manchmal die Quartette aufraffen, zu ihm zu kommen? –
Ich vermute, das tägliche Quartett-Blatt ist so „nötig“ wie das Zähneputzen. Man kann es einmal einen Tag weglassen, aber ab dem zweiten Tag macht sich ein pelziges Gefühl im Mundraum bemerkbar. Dann tut man es wieder ganz von allein. Niemand braucht einen dazu zu zwingen.

VI

Wie kommt es, dass in dieser Musik Vertrautes (ein reiner, klar artikulierter Dur- oder Molldreiklang) vollkommen selbstverständlich neben weniger Vertrautem (einer Halbtonballung, gespreizt in den Oktavraum oder auch nicht) stehen kann – als stünde die historische Zeit still? Wann spielt diese Musik in Wirklichkeit? –
Die Antwort „Sie ist eben zeitlos!“ kommt so schnell, dass es mich etwas skeptisch macht ... wer hörend in sich fragt, der erhält eine vielschichtigere Antwort: sie ist zeitlos darin, dass nur Töne und nichts als Töne sprechen (was das Hauptkriterium „zeitloser“ Musik ist); sie ist nicht zeitlos darin, dass dieser jetzt lebende, konkrete Mensch diese jetzt lebende, konkrete Hülle gefunden hat für das Unaussprechliche, das sich, weil es unendlich seinem Wesen nach ist, „mehr als unendlich“ viele und verschiedene immer wieder neue Hüllen sucht, um auf sich selbst zu deuten; sie ist subjektiv, weil der Schmerz der Inkarnation – die nie endende Suche nach einer Erdenheimat, die es so nicht geben kann – oft in dieser Musik als fein abgeschattete Melancholie mitschwingt; sie ist objektiv, weil Yoffe die Ur-Substanz der Musik – die Töne – nicht antastet und nichts als Zeuge ist ihres organischen, geordneten Kreisens miteinander um die große Sonne des Seins.

VII

Ein Mensch, der so denkt und wahrnimmt, wie es sich in Yoffes Musik mitteilt, sieht alles in Beziehung zueinander, und er erlebt die Welt als das, was sich zwischen den einzelnen Erscheinungen ausspricht, aussprechen möchte. Jede Einzelheit der Welt bildet mit jeder anderen ein Intervall, ein „Wort“ bestimmter Art, welches ungehört bleibt, solange, bis ich mein Gewahrsein darauf richte. Der Komponist ist ein „Auswähler“ – er wählt unter den Trillionen und Abertrillionen von Dingen jene, die, in eine „sprechende Reihung“ gestellt, am deutlichsten artikulieren: Die Welt ist Sinn, ist Herrlichkeit, ist Schönheit. Komponieren ist ein willentliches Nicht-Sehen – derjenigen Dinge, die (für den Moment, der aktuellen persönlichen Verfassung nach) die Herrlichkeit der Welt noch nicht klar aussprechen können. Boris Yoffes Musik ist in dieser Hinsicht ein „Esperanto“ der Musik – staunend steht der Hörende vor diesen wenigen Tönen und empfindet: Könnte man es schöner sagen?

© 2020 by Ole Maria Anderland | Imprint